Wolfsstadt von Bernd Ohm – Meine Rezension …

Gebundene Ausgabe: 503 Seiten
Verlag: ars vivendi verlag GmbH & Co. KG (31. März 2015)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3869135018
ISBN-13: 978-3869135014
Hier findet ihr eine LESEPROBE!

Über den Autor:
Bernd Ohm, geboren 1965 in Hoya an der Weser, studierte Anglistik, Hispanistik sowie Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Augsburg. Später arbeitete er als Musiker, Drehbuchautor, Übersetzer, Übersetzungslektor und Berater für Softwarelokalisierung. Nach Stationen in Augsburg, München und Berlin lebt er heute mit seiner Familie in der Nähe Bremens. Wolfsstadt ist sein Debütroman.

HIER findet ihr sehr interessante Hintergrundinfos auf der Webseite des Autors.

Die Geschichte:
München im Jahr 1948: die Stadt ist immer noch schwer gezeichnet vom Krieg, der nicht nur an den Gebäuden seine zerstörerischen Spuren hinterlassen hat, sondern auch in den Köpfen der Menschen.
Der Polizist Fritz Lehmann will einen besonders brutalen Mord an einer jungen Frau aufklären, deren Leiche seltsam zerstückelt an einem See gefunden wurde. Doch Zeugen schweigen oder lügen, seine Vorgesetzten wollen nicht, dass er im Umfeld der überlebenden Juden ermittelt und dann verschwinden auch noch wichtige Unterlagen. Fritz hat das Gefühl, dass eigentlich niemand wirklich daran interessiert ist, dass der Fall aufgeklärt wird. Hinzu kommt noch, dass ihm seine eigene Kriegsvergangenheit sehr schwer zu schaffen macht.
Dann findet er doch noch den entscheidenden Hinweis und ihm wird klar, dass er den Mörder im Alleingang stellen muss … und dass er ihn töten muss, um das Böse ein für alle mal unschädlich zu machen!

Meine Meinung:
Dieses Buch ist wirklich ein grandioses Mahnmal gegen das Vergessen. Nicht nur, dass die Story auf einem wahren Kriminalfall basiert, sondern auch die drastischen Schilderungen so mancher Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg erzeugen Gänsehaut beim Lesen.
Es ist dem Autor anscheinend ein großes Anliegen, die Folgen im Leben der Betroffenen möglichst lebensnah zu schildern. Und das ist ihm sehr eindrucksvoll gelungen. Ob es nun die Leiden der Opfer sind oder die Verzweiflung der Menschen, die zu Tätern wurden – ob bereitwillig oder gezwungenermaßen. In einem Krieg kann es einfach nur Verlierer geben – und einer dieser Verlierer ist auch Fritz Lehmann, der tragische Antiheld der Geschichte.

Bernd Ohm hat einen eher ungewöhnlichen Erzählstil gewählt, an den ich mich erst ein bisschen gewöhnen musste. Der Text fließt richtiggehend dahin und so manche Sätze erstrecken sich über viele Zeilen. Man hat das Gefühl, irgendwie näher an der Story zu sein, es wirkt alles so lebendig und nicht trocken-distanziert.
Wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, dann kann man sich dem Buch kaum noch entziehen. Vieles ist auch im Dialekt, in Umgangssprache oder – weil Fritz viel mit den Amerikanern zu tun hat – auch einfach in Englisch geschrieben. Das macht das Ganze noch authentischer.

„Sein Zeigefinger ist außerdem eine Spur zu schnell für seinen pommerschen Bauernverstand, und die Sätze sind eine Spur zu lang und verdreht für einen armen Dorfjungen, der lieber Flußpiraten und Buffalo Bill als den Kleinen Katechismus gelesen hat, und deshalb geht in seinem Kopf auch immer wieder der altböse Feind um und führt ihn in eine Versuchung, die da heißt Kartoffel: Bratkartoffeln, Pellkartoffeln, Backkartoffeln, Kartoffelbrei, Kartoffelsalat, Kartoffelpuffer, Kartoffelsuppe, Kartoffelkroketten … ganze Berge könnte er jetzt … durchfressen könnte er sich, durch Kartoffelgebirge, so hoch wie die Alpen – Mensch! Lehmann! –, schön eingelegten Hering und Zwiebeln dazu oder süßsaure Eier in Senfsoße oder gespickte Gänsebrust mit Weißkohl oder sogar gestopfte Gans, das war so ein herrliches Feiertagsgericht zu Hause in Mahlow, Kreis Belgard-Schivelbein …“ (Seite 9)

Nicht nur wegen seiner ausgesprochenen Leidenschaft für Kartoffelgerichte (die ich vollumfänglich teile) ist mir Fritz sehr schnell sympathisch gewesen. 🙂
Der Krimi weist zwar sehr viele „Noir“-Merkmale auf, aber es ist Bernd Ohm wirklich toll gelungen, dass seine Hauptfigur trotzdem nicht wie ein nervender, se*besessener Schlägertyp wirkt. Leider habe ich das in diesem Genre auch schon erlebt.
Bei Fritz dagegen spürt man wirklich die innere Zerrissenheit, seine kreisenden Gedanken erschienen mir nicht wie überflüssige Wiederholungen und seine teils drastischen Maßnahmen bei der Aufklärung des Falles werden oft eher mit einem Augenzwinkern geschildert:
„Lehmann zieht auch seinen Revolver und markiert weiter den Wahnsinnigen, und siehe da, die Menge teilt sich vor ihm wie das Rote Meer vor Moses und dem Volk Israel, sie kommen unbehelligt zu ihrem Jeep, der dann aber nicht gleich anspringen will, Washington flucht, Jay-sus, that motherfucker needs a fuckin‘ engine job, bei der Scheißkarre muss mal der Scheißmotor überholt werden, und das Rote Meer flutet langsam wieder zurück, aber dann funktioniert endlich die Zündung, sie fahren mit quietschenden Reifen an und rasen in Richtung Friedensengel davon.“ (Seite 440)

Vor allem die akribisch recherchierten Augenzeugenberichte so mancher Gräueltaten während des Zweiten Weltkrieges haben mich sehr berührt. Die Geschichte der Menschheit zeigt zwar leider eher, dass unsere Spezies anscheinend wenig aus vergangenen Fehlern lernt, doch diese Hoffnung darf man trotzdem niemals ganz aufgeben. Und deshalb ist es nötig, (sich) zu erinnern – und dazu leistet dieser Krimi einen fesselnden Beitrag.
Auch der Kriminalfall an sich sorgt für Gänsehautfeeling, vor allem, wenn man sich ins Gedächtnis ruft, dass er ebenso auf einer wahren Begebenheit beruht.

Das Ende fand ich sehr stimmig und vor allem positiver als zunächst erwartet. Doch auch der zufriedenstellende Schluss kann nicht verhindern, dass das Buch noch einen langen Nachhall erzeugt … die Gedanken lösen sich nicht so schnell wieder vom Schicksal so mancher Figuren.

Trotz aller Ernsthaftigkeit bedeutet dieser Krimi aber auch beste Leseunterhaltung mit einer guten Portion ironischen Humors. Das Buch kann ich nur empfehlen!

Fazit:
Eindrücklich, authentisch, drastisch, fesselnd und sehr emotional bringt uns dieser Krimi die grausamen Folgen des Krieges näher … wenn Menschen zu Monstern, Göttern, Wanzen oder Opfern werden. Welche Art von Mensch will man dann sein – oder hat man vielleicht gar keine Wahl?

Bewertung:
5pfoten

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