STILL – CHRONIK EINES MÖRDERS von Thomas Raab – Meine Rezension …

Audio CD
Verlag: Argon Verlag; Auflage: 1 (14. Januar 2015)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3839813514
ISBN-13: 978-3839813515
Autor: Thomas Raab

Die Geschichte:
Im kleinen Ort Jettenbrunn wird ein ganz besonderes Kind geboren: Karl Heidemann. Das Baby hat ein extrem empfindliches Gehör und wird für seine unwissenden Eltern zu einer einzigen Herausforderung. Karl ist nur dann einigermaßen glücklich, wenn um ihn herum Stille herrscht. Sein Aufwachsen ist deshalb sehr isoliert, Kontakte zu anderen Kindern gibt es nicht und auch Erwachsene sieht er nicht viele.
Missverständnisse prägen Karls Leben – seinerseits und vor allem auch von Seiten seiner Mitmenschen. Aus Liebe und Wohlwollen Entstandenes wird nicht gewürdigt und sogar als strafbar und verwerflich angesehen. Karl versteht diese Welt und ihre Bewohner nicht, bis er eines Tages als Jugendlicher auf der Flucht auf das Mädchen Marie trifft.
Viele Jahre später kehrt er zu ihr zurück, um endlich Frieden zu finden. Doch bis es so weit ist, hinterlässt Karl Heidemann viele Leichen auf seinem Weg – und am Ende auch seine selbst verfasste Chronik.

Meine Meinung:
Zunächst war ich noch etwas skeptisch, denn der Schreibstil von Thomas Raab ist ungewöhnlich und klang für mich irgendwie altmodisch. Er spielt geradezu mit der Sprache, verknappt beispielsweise Sätze, lässt bewusst Lücken und damit Raum für eigene Interpretationen. Hier ein kurzes Beispiel:

„Vor ihr das immer höher steigende Wasser, in ihr das Verlangen nach Befreiung, der Gedanke, die Tat. Ein kurzer Blick ins Leere, dann ein Stoppen des Wassereinlaufes, ein Betrachten dieses Bündels Verachtung in ihren Armen, ein Vorbeugen, ein Aus-den-Händen-gleiten-Lassen.“

Schnell habe ich mich dann allerdings auch daran gewöhnt und in der Hörbuchversion passt sowieso die Stimme von Frank Arnold perfekt zu diesem Stil. Einfach grandios vorgetragen!

Wir dürfen Karl Heidemann ja von seinem ersten Atemzug an durch sein Leben begleiten. Und dabei lernen wir ihn kennen, sehen die Welt mit seinen Augen, dürfen hinter die Fassade blicken. Und so wird schnell klar: er ist keinesfalls ein blutrünstiger Mörder.
Meine Sympathie für ihn ist immer mehr gewachsen – trotz der Tatsache, dass er sich anfangs auch wehrlose Tiere als Opfer auserkoren hat. Karl tötet zunächst niemals brutal, sondern aus falsch verstandenen „guten“ Gründen. Er ist eher ein „Todesengel“ und kein Serienmörder im herkömmlichen Sinn.
Außerdem ist er hochintelligent und sehr geschickt mit seinen Händen … ein Kunstschaffender: Maler, Schnitzer, Schreiber. Und er liebt die Natur, das einfache Leben und natürlich die Stille. Städte sind ihm ein Graus und so ist es ganz passend, dass es ihn irgendwann in ein ruhiges Kloster verschlägt.

Vieles hat der Autor geschickt in diese fiktive Lebensgeschichte gepackt: Gesellschaftskritisches, Spannung, eine riesige Bandbreite an Gefühlen und zahlreiche Themen, über die man sich eigene Gedanken machen kann. Kindererziehung, Moral, Sterbehilfe, Glaube, Tier- und Umweltschutz und ebenso die Frage, welche Werte im Leben wirklich zählen.
Es ist ein Buch, das nicht nur bestens unterhält, sondern das auch aktiv Emotionen weckt und einen echten Nachhall erzeugen kann. Bei mir hat es das auf jeden Fall geschafft. Ich bin begeistert und habe Karl sehr gerne begleitet, mit ihm gelitten und auch viel Schönes erlebt. Das Ende passt perfekt, ein Happy End ist es irgendwie trotzdem.

Fazit:
Ein grandioses Buch mit einer sehr tragischen Hauptfigur, das den Leser tief berühren und zum Nachdenken bewegen kann. Perfekt für Menschen, die die Stille und die kleinen Dinge des Lebens noch zu schätzen wissen.

Bewertung:
5pfotenplus

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