Runa von Vera Buck – Meine Rezension …

Gebundene Ausgabe: 608 Seiten
Verlag: Limes Verlag (24. August 2015)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3809026522
ISBN-13: 978-3809026525
Autorin: Vera Buck

LESEPROBE

Die Geschichte:
Der junge Schweizer Medizinstudent Jori (Johann Richard Hell) arbeitet Ende des 19. Jahrhunderts in der Salpêtrière in Paris, einem riesigen Komplex, der offiziell ein Altershospiz für Frauen ist. Eigentlich sind dort aber auch alle möglichen jüngeren Frauen und auch Kinder untergebracht, die als geisteskrank gelten. Der Leiter Prof. Dr. Jean-Marie Charcot ist berühmt für seine Veröffentlichungen und Vorträge, immer wieder testet er neue Behandlungsmethoden an seinen Patientinnen.

Jori ist zunächst sehr beeindruckt und begeistert von Charcot, doch mit der Zeit bröckelt seine Bewunderung. Die Frauen und Mädchen, die der Arzt seinem Publikum wie Jahrmarktsattraktionen vorführt, tun ihm zunehmend leid. Das liegt auch ein bisschen daran, dass seine große Liebe Pauline auch in die Mühlen solcher Kliniken geraten ist: sie gilt ebenfalls als geisteskrank und Jori möchte unbedingt einen Weg finden, um sie zu heilen. Erreichen will er dieses Ziel, indem er eine neue Operationsmethode testet – und das ausgerechnet an einem sehr seltsamen Mädchen: Runa.

Meine Meinung:
Dieser Roman hat mich gleichermaßen fasziniert wie erschreckt. Vera Buck hat sehr viel recherchiert und wahre Personen und Begebenheiten geschickt mit einer fiktionalen Geschichte verknüpft. Entstanden ist daraus ein fesselndes, authentisches Buch, das uns mitnimmt ins Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts.
Quasi nebenbei erfährt man dabei auch so interessante Dinge wie die Geschichte von Eugène Poubelle, dessen Nachname heute in Frankreich zur Bezeichnung für „Mülleimer“ geworden ist, da er im Jahr 1883 in Paris die Mülltrennung einführte.
Aber natürlich liegt das Hauptaugenmerk auf den damaligen Zuständen in den psychiatrischen Einrichtungen, die damals noch andere Namen trugen. Von einer Heilung der kranken Menschen war man noch sehr weit entfernt, es wurde mit teils grausamsten Methoden „therapiert“, über die wir heute nur den Kopf schütteln können. Vera Buck beschreibt einige solcher Situationen extrem eindrucksvoll und authentisch. Man ist beim Lesen einfach nur froh, so etwas nicht selbst erleben zu müssen.
Auch einige Tierversuche, die natürlich damals ebenfalls u. a. zur Erforschung des Gehirns durchgeführt wurden, werden erläutert. Diese Szenen waren für mich als Tierfreund auch nicht leicht zu ertragen.

Hauptperson in diesem Buch ist – neben Runa natürlich – Jori, aber erzählt wird uns die Geschichte von Maxime, der zur Zeit der Ereignisse noch ein Jugendlicher war und eher zufällig in die Ereignisse verwickelt wird.
Doch es gibt auch noch einen weiteren Erzählstrang, der sich mit dem sehr ungewöhnlichen Monsieur Lecoq befasst. Er ist ein Ex-Polizist, der sich aufgrund seiner eigenen Physiognomie nach der Lektüre eines Lehrbuches selbst für einen geborenen Verbrecher hält. Klingt komisch und ist es auch irgendwie, aber mir war der skurrile Kerl doch sympathisch.
Ihre Charaktere zeichnet Vera Buck sehr detailliert und lebensnah mit all ihren Schrulligkeiten und Eigenarten. Bei Jori hat mir besonders sein eigener Wandel gefallen, den er sehr deutlich durchlebt: vom übereifrigen Studenten zu einem gefühlvollen, empathischen Menschen, der die Frauen nicht mehr nur als Forschungsmaterial betrachtet. Das machte ihn zunehmend liebenswerter und ich hätte ihm ein echtes Happy End gewünscht.
Runa, das titelgebende Mädchen, ist eine sehr tragische und geheimnisvolle Figur. Ihr Verhalten lässt sie erst abschreckend wirken, aber je mehr man aus ihrer Vergangenheit erfährt, desto verständlicher wird ihre Situation.

Die Autorin schafft es, gleich zu Beginn ein hohes Maß an Spannung aufzubauen, das sich konstant bis zum Ende auf diesem Level hält. Wirklich super geschrieben und durch den ungekünstelten Schreibstil absolut flüssig und wunderbar zu lesen.
An manchen Stellen tragen schon die lebendigen Beschreibungen der Schauplätze dazu bei, dass sich beim Leser eine leichte Gänsehaut einstellt: das „alte“ Paris war nicht gerade ein Ort zum Wohlfühlen für Jedermann. Die hygienischen Bedingungen und andere damalige Zustände waren alles andere als schön, wie beispielsweise eine Szene mit einem von Ratten angeknabberten Säugling wirkungsvoll zu unterstreichen weiß.

Da es praktisch nur um weibliche Patientinnen bzw. „Versuchsobjekte“ geht und auch sehr eindrücklich geschildert wird, wie die Ärzte, Studenten und Zuschauer sich an so manchen Situationen richtiggehend ergötzt haben, muss man schon manchmal aufpassen, keine Abneigung gegen Männer zu entwickeln. 🙂 Aber glücklicherweise gibt es ja noch Typen wie Jori oder Lecoq, die dann wieder etwas versöhnlich wirken auf die weibliche Leserschaft.

Den gelungenen Abschluss bildet ein Epilog, in dem wir noch erfahren, was aus den wichtigsten Figuren geworden ist. Für manche hätte ich mir ein schöneres Ende gewünscht und einiges bleibt auch im Dunkeln.

Fazit:
So authentisch, dass es beim Lesen manchmal fast weh tut … interessant, fesselnd, spannend, erschreckend. Ein Buch, das man nur empfehlen kann!

Bewertung:
5pfoten

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